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14.02.2007 von Andreas Weist
Der Februar 2007 stand für mich ganz im Zeichen von Marillion. Am ersten Wochenende machte ich mich auf zur Marillion-Convention in Ouddorp / Holland, um drei hervorragende Konzertabende zu erleben. Am Freitag das komplette Album "This Strange Engine" und einige neue Songs, am Samstag Coversongs und Raritäten, am Sonntag die Marillion-Lieblingssongs der Bandmitglieder. Die Convention fand im Center Parc "Port Zelande" statt, der allein für die 3.500 angereisten Marillionfans reserviert war.
Am 13.02. stand dann die Listening-Party des neuen Albums "Somewhere Else" in Köln an (einen Bericht findet ihr unter Konzertberichte) und am nächsten Tag gab es Gelegenheit, den Gitarristen Steve Rothery in Köln zu interviewen.
Herzlichen Dank an Lucy Jordache für die Vermittlung, an Andrew Quarterman von Rough Trade für die gute Betreuung, an York Massur für die Fotos und natürlich an Steve Rothery, der sich viel Zeit für uns nahm.

Guten Morgen, Steve. Danke, dass du dir Zeit für uns nimmst. Wir kommen von „Musicheadquarter“, einem Online-Musikmagazin.Zunächst hätten wir eine Frage zum neuen Marillion-Album „Somewhere Else“, das im April veröffentlicht wird. Wir konnten gestern Abend zum ersten Mal reinhören. Kannst du uns etwas darüber erzählen?
Steve Rothery: Für mich bestehen große Unterschiede zum vorhergehenden Album "Marbles". Wir haben mit Mike Hunter zusammen gearbeitet, einem sehr entspannten Typen, der nirgendwo ein Problem sieht, dabei aber unglaublich schnell arbeitet. Er ist selbst Musiker und Songschreiber und so hatte er viele großartige Ideen, was die Arrangements und Melodien angeht. Er ist beinahe so etwas wie das sechste Bandmitglied geworden. Er vermittelte uns eine spontanere, leichtere Einstellung gegenüber allem, was wir tun.
Besonders der Titelsong und "A Voice From The Past" haben mich sehr beeindruckt.
Steve Rothery: Vielen Dank. Ich denke, das Album besteht aus einer guten Mischung verschiedener Songs, die zum Teil viel direkter sind. Das Album wird polarisieren. Die Leute werden ihre Lieblingstitel haben. Manche lieben "Most Toys", manche hassen den Song und nennen ihn "Most Noise".
Ihr habt also schon erste Reaktionen von den Fans bekommen?
Steve Rothery: Nicht nur von den Fans, auch von unseren Freunden. Das ist einer dieser Tracks, der, wenn er nicht dem Geschmack der Leute entspricht, einen furchtbaren Schock bedeutet. Aber ich denke, im Kontext des kompletten Albums kann er Sinn machen.
Ich finde, er stellt einen Bruch im Album dar. Bei "Afraid Of Sunlight" gab es auch einen solchen Bruch nach dem Song "Beautiful".
Steve Rothery: Ja, genau. Manchmal kann man Dinge besser verdeutlichen, wenn man einen Kontrast bildet. Es ist halt ein sehr kurzer Song und ich denke, er tut seinen Job.
Ich denke auch, es ist ein schöner kleiner Song. Wir waren auf der Convention in Holland und er blieb in den Ohren hängen.
Steve Rothery: Ja. Es ist auch immer schwer, zu überlegen, welche Songs wir ans TV geben oder für Videos verwenden. Wir werden wohl die zweite Aufführung von "Most Toys" in Holland verwenden. Es sieht wunderbar aus und klingt großartig.
Ihr habt ja in Ouddorp schon eine Reihe neuer Songs gespielt. Aber ich muss sagen, sie klangen bei weitem nicht so gut wie gestern die Studioversionen.
Steve Rothery: Ja, das kam durch die ganze Situation des Marillion-Weekends. Wir hatten soviel Musik, die wir einstudieren mussten. Sieben Stunden Musik, alte Songs, Raritäten, die wir sehr lange nicht mehr - zum Teil noch nie gespielt hatten. Die Coverversionen machten höllisch viel Arbeit. Und dann die neuen Songs... Es war schon schade. Manche der Tracks hatten wir monatelang perfekt gespielt, aber dann kam der Moment, wo alle etwas angespannt waren und das Gehirn sich für kurze Zeit in Rührei verwandelte. Aber die Leute schienen die neuen Sachen trotzdem zu mögen.
Eine erste Single „See It Like A Baby“ wird schon Ende März veröffentlicht. „You’re Gone“ und „Don’t Hurt Yourself“ waren ja recht erfolgreich in den britischen Top 20. Startet ihr einen neuen Versuch, die Charts zu erobern?
Steve Rothery: Oh nein, ganz sicher nicht. Zuerst dachten wir an "Thankyou", aber das Feedback, das wir von den Promotern bekamen, ließ uns "See It Like A Baby" auswählen, da dieser Song eine direktere Wirkung hat. Er wird seinen Job tun und die Leute auf das neue Album aufmerksam machen. So wie bei jeder Single soll das Interesse geweckt werden und der Wunsch, mehr herauszufinden.
Das ist ähnlich wie bei "Marbles". "Don't Hurt Yourself" war der typischere Radiosong und ihr habt ihn als zweite Single gewählt. So scheint es hier auch zu sein. Eigentlich ist "Thankyou Whoever You Are" der radiotauglichere Song.
Steve Rothery: Wir wollten halt einfach einen Standard-Marillionsong als den ersten, führenden Song haben.

Nach Veröffentlichung des Albums wird in Gibraltar eine große Tour starten, die euch nach Portugal, Spanien, Italien, Holland und natürlich auch Deutschland führt. Worauf dürfen sich die Fans freuen? Viel neues Material? Einige Klassiker?
Steve Rothery: Wir werden natürlich viel vom neuen Album spielen. Und wir würden gerne eine Lightshow verwenden, ähnlich wie bei der Convention. Unglücklicherweise wird diese nicht in jeden Veranstaltungsort passen, aber wir versuchen trotzdem, eine interessante Lightshow zu bekommen. Wir werden viele Songs der Convention spielen, aber auch einige, die es dort nicht zu hören gab. Wir werden versuchen, den Set von Nacht zu Nacht ein wenig zu verändern. So werden Leute, die zu mehreren Konzerten gehen, nicht immer die exakt gleiche Show sehen.
Ich denke auch, dass ihr gerade mit dem Set am Sonntag ("Lieblingssongs der Bandmitglieder") einen Pool von Songs habt, die ihr für die Tour verwenden könnt.
Steve Rothery: Ja, da werden auch schon viele Wünsche geäußert. *lacht*
Seit einigen Jahren gibt es ja starke Internet-Aktivitäten der Band, sei es die Website, die Marillion Podcasts, den Front Row Club, My Space, H-Tunes usw. Hat das Internet das Musikgeschäft verändert?
Steve Rothery: Oh, es hat das Musikgeschäft in verschiedene Punkten verändert. Für uns war es eine Rettungsleine. Zum Beispiel "My Space", ein unglaublich nützliches Instrument für Bands, die auf der Suche nach ihrer Zuhörerschaft sind.
Gleichzeitig gab es aber das Problem des CD-Kopierens, das Downloading und Filesharing. Das schadet jedem, auch den großen Labels. Auf eine Band in unserer Lage kann das einen großen Einfluss haben. Wir sind eine "reiche" Band, wir haben einen ordentlichen Lebensstandard. Wenn aber nun 5000 Leute sich "Marbles" runterladen, denke ich, dass nur wenige davon hingehen und sich das Album als CD kaufen.
Sicher gibt es gute Argumente für Filesharing - es ist ein guter Weg, um Musik zu promoten. Es ist eine Generationenfrage. Eine bestimmte Generation hört die Musik auf dem Computer, zieht los und kauft sich die CD. Aber die jüngere Generation hat kein Interesse mehr daran, sich eine CD ins Regal zu stellen. Sie haben die Musik auf dem Computer und hören sie auf diesem Weg - das genügt ihnen. Diese Generation denkt: Warum sollen wir uns ein Album kaufen, wenn wir es umsonst haben können? Das ist sehr hart für den Künstler.
Wir waren schon in dieser Situation, zum Beispiel in Holland, einem unserer umsatzstärksten Gebiete. Wir hatten dort 25.000 Kopien von ".com" verkauft, aber nur noch 7.000 von "Marbles". Die Anzahl an verkauften Konzerttickets bleibt aber gleich. Wir wissen einfach, dass dort mindestens 25.000 Leute sind, die eine Kopie von "Marbles" besitzen, aber nur 7.000, die auch dafür bezahlt haben. Für eine Band in unserer Position ist das ein großer Einkommenszweig, von dem wir leben müssen.
Das hat große Labels zerstört, manche Band und schadet auch dem Handel. Viele Händler haben die Preise runtergesetzt - bis fast zum halben Preis dessen, was ein Album noch vor fünf Jahren kostete. Und auch das schadet wiederum dem Künstler.
Es ist wirklich eine schwierige Zeit. Wir werden sehen, was passiert, wenn dieses Album veröffentlicht wird. Wir tun alles, um zu umgehen, dass die Leute das Album ins Internet setzen. Aber es ist unmöglich, das zu verhindern. Wir können nur hoffen. Wir vertrauen auf unsere Fans, die letztendlich für das Album bezahlen werden.
Marillion existieren nun seit 25 Jahren mit einer großen Anhängerschaft, die von Jahr zu Jahr wächst. Ich finde, da besteht eine besondere Loyalität zur Band. Das Weekend in Holland lockte über 3.000 Fans an und ich war selbst dort mit meiner Frau und unserem zweijährigen Sohn. Es war etwas besonderes mit einer sehr familiären Atmosphäre. Hast du eine Erklärung für diese besondere Beziehung zu den Fans?
Steve Rothery: Ich denke, weil es die Band schon so lange gibt und wir immer das getan haben, woran wir geglaubt haben. Die Leute, die unsere Musik kaufen, teilen die Leidenschaft für das, was wir tun. Egal, woher in der Welt sie kommen. Wir bringen die Menschen zusammen, die diese Leidenschaft für die Musik und die Band teilen. So wird eine weltweite Familie daraus, die durch die gemeinsame Idee vereint wird. Es ist eine erstaunliche Sache.
Ich denke, dass die letzte Convention unsere bisher beste war. Man kann sich kaum vorstellen, wie man es noch verbessern könnte. Es könnte wärmer sein. *lacht*
Wir schauen nach Möglichkeiten, 2009 etwas später ins Jahr zu gehen.

Holland war großartig. In England war es weniger komfortabel.
Steve Rothery: Ja, der Center Park war gut. Die Unterbringung ist okay. Das Personal in Holland ist freundlicher und gelassener. England ist ein komisches, altmodisches Land.
Die Coversongs am Samstag waren interessant. Ihr habt Crowded House gespielt, Keane und The Move. Aber nicht die bekannten Sachen, die jeder mitsingen kann. War das das Konzept? Eher Stücke, die ihr liebt, als Stücke, die jeder kennt?
Steve Rothery: Hm, die erste Idee war es... Du kannst dich dieser Sache auf verschiedene Arten nähern. Ich wollte unbedingt einen Pink Floyd-Song spielen, "Shine On You Crazy Diamond". Aber wenn wir es getan hätten, wenn wir uns auf dieses musikalische Gebiet begeben hätten, wären wir zu einer "Coverband" geworden. So war es nicht gedacht. Es sollte eher eine Party werden und wir wollten Songs spielen, die wir wirklich mögen, die aber nicht die offensichtliche Wahl sind. Ich habe zum Beispiel den Jellyfish-Song und den R.E.M.-Song ausgewählt.
Ja, "Everybody hurts" war fantastisch. H's Stimme passt hervorragend dazu. Aber wirklich viele Fans, mit denen ich gesprochen habe, haben Songs von Pink Floyd oder Genesis erwartet.
Steve Rothery: Einen Genesis-Song haben wir noch nie gespielt. Das wäre für uns wirklich falsch. Aber einen Floyd-Song.., vielleicht nächstes Mal. *schmunzelt*
"Toxic" klang sehr cool.
Steve Rothery: Ja, es begann proggy und hatte eine unerwartete Wendung.
Wollt ihr noch weitere Britney Spears-Songs covern?
Steve Rothery: *Gelächter* Nein. Das war einmalig. Und auch der ABBA-Song machte sehr viel Spaß. Vor allem Steves Kostümwechsel.
Eine Frage noch zum Song "Faith". Gegenüber der Butlins-Version von 2003 hat sich nicht viel geändert... Ich kann mich erinnern, dass ihr große Veränderungen angekündigt habt. Warum habt ihr entschieden, den Song gerade jetzt auf CD zu pressen?
Steve Rothery: Hm, das Arrangement wurde schon stark verändert. Wir haben den Song mit Mike Hunter aufgenommen noch bevor wir das Album einspielten. Wir waren uns einig, dass "Faith" seinen Job als Abschluss des Albums tun würde. Es sind viele kraftvolle Songs auf dem Album und wir wollten einen ruhigen Abschluss, wie mit "Made Again" auf "Brave".
Stimmt - dieser Vergleich ist mir auch als erstes in den Sinn gekommen.
Steve Rothery: Ja, wir wollten auch hier einen Kontrapunkt setzen. Genau das war die Absicht.
Wie sieht es mit deinem Soloprojekt aus - "The Wishing Tree"?
Steve Rothery: Ich hoffe sehr, dass das neue Album im nächsten Oktober veröffentlicht werden kann. Vier Tracks sind fertig gestellt und ich spüre ein großes Interesse auf unserer "My Space" Seite. Einige berühmte Leute scheinen die Songs zu mögen. *schmunzelt*
Euer erstes Album war sehr gut. Hannah Stobart ist eine ausgezeichnete Sängerin mit einer wundervollen Stimme.
Steve Rothery: Ja, hört euch die Songs auf "My Space" an. Das ist wirklich eine großartige Sache. Man lernt Leute kennen, die die gleiche Art von Musik mögen, die erzählen das ihren Freunden weiter, die dann wiederum auf die Seite kommen. Ein guter Weg, um Werbung zu machen.
Du hast ein Weekend im Jahr 2009 erwähnt. Seid ihr wieder in der Planung?
Steve Rothery: Ja, wir sprechen über März 2009.
"Season's End" ist dann 20 Jahre alt, Steve Hogarth 20 Jahre bei euch. Also schon eine Jubiläumssache?
Steve Rothery: Klar. Wir überlegen auch, die Soloprojekte auf die Bühne zu bringen. "The Wishing Tree" und die "H-Band".
Vielen Dank für das Interview - und viel Erfolg mit "Somewhere Else" !!!
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